Misteriöser Diebstahl

Gutachten in einem ungewöhnlichen Fall.

Eines Tages erreichte uns ein Hilferuf von einem Mann, den wir fast nicht verstehen konnten. Der Kunde war aus dem Saarland und hatte einen sehr stark ausgeprägten Dialekt. Ein paar Tage später besuchten wir den Kunden in seiner Gaststätte.

Er zeigte uns einen kleinen Wandtresor, aus dem angeblich eine größere Summe Bargeld verschwunden ist. Äußerlich waren keine Beschädigungen zu erkennen, unser erster Gedanke- der will eventuell seine Versicherung betrügen. Einbrecher arbeiten normal nicht mit beschädigungsfreien Methoden bei Tresoröffnungen. Ist viel zu kompliziert, erfordert zu viel Fachwissen und dauert zu lang. Ist dem Einbrecher doch egal ob der Tresor hinterher Schrott ist. Aus diesem Grund will die Versicherung auch nicht bezahlen.

Aber immer schön neutral bleiben, keine Vorurteile, die das Gutachten beeinflussen könnten. Am Gebäude gab es Einbruchspuren am Toilettenfenster, die hat ein anderer Gutachter und die Polizei bereits aufgenommen. Unser Part sollte nur der Tresor werden.

Erste Vermutung- der Schlüssel wurde benutzt, weil keine Einbruchspuren zu sehen waren. Auf Nachfrage gibt der Wirt zu, den einzigen Schlüssel (der Zweite ist seit Jahren verloren, ist unwahrscheinlich) immer in seiner Wohnung über dem Lokal zu verstecken. Eine Besichtigung des Versteckes ergibt allerdings ebenfalls ein unwahrscheinliches Bild. Das Versteck ist so gut, normal kann man das nicht finden. Eine Bohrung in einem Möbelstück, das man von der Wand vorziehen muss. Zusätzlich mit einem Holzstück verschlossen und so gut wie nicht zu sehen. Da liegt der Verdacht nahe, ein Anwesender Dritter hat das einmal gesehen, ansonsten kann man das nicht mit vertretbarem Zeitaufwand finden.

Aber das sind alles Beurteilungen, die in die Zuständigkeit der Kriminalisten fallen. Für unseren Part, die Beurteilung von Tresor und Schloss, bauen wir das Schloss aus und nehmen es zur neutralen Untersuchung in unsere Werkstatt mit. Bei einer eingehenden Untersuchung mit dem Mikroskop zeigen sich keine Spuren, die Aufsperrwerkzeuge üblicherweise hinterlassen. Für diesen Schlosstyp gibt es auch auf dem freien Markt kein Sperrwerkzeug zu kaufen. So weit hatten wir das schon vorab vermutet.

Unser Mikroskop mit Kamera

Aber etwas war ungewöhnlich. Auf den Zuhaltungen findet sich weiße Farbe. Anhand der vom Schlüssel abgeschabten Stellen könnte man mit einem Endoskop die Schließvariation des Schlüssels ablesen! Das ist eine uralte Methode, diese wurde schon vor über 100 Jahren mit Ruß oder Tinte praktiziert, ist mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Funktioniert heute auch nur noch bei sehr wenigen Tresorschlössern. Bei diesem wäre es jedoch möglich. Um diese Möglichkeit zu beweisen, lesen wir das Schloss anhand der Spuren tatsächlich aus und fertigen auf einer computergesteuerten Maschine einen Schlüssel. Dieser passt exakt. Der Beweis dieser Möglichkeit wäre somit erbracht. Doch wie kommt die Farbe in das Schloss? Manche Hersteller lackieren die Türen, wenn das Schloss bereits eingebaut ist. Da könnte theoretisch Farbe ins Schloss kommen. Dieser Tresor ist auch schon einmal überstrichen worden. Ist bei Wandtresoren häufig so. Die Position der Farbe auf den Zuhaltungen deutet aber eher auf eine gezielte Einbringung hin. Also Proben der Farbe und Vergleichsproben der Farben auf der Türe in ein zertifiziertes Labor. Siehe da, die Farbe im Schloss ist weder die originale vom Tresor, noch die, die nachträglich aufgebracht wurde. Das konnte anhand einer mikrochemischen RFA-EDX Analyse definitiv bewiesen werden.

RFA EDX microchemische Analyse

Mikrochemische Analyse der Farben

Der tatsächliche Tathergang wird wohl nie aufgeklärt werden. Fakt ist, die Frage, wie die Farbe in das Schloss gekommen ist und ob jemand tatsächlich anhand der Spuren in der Lage war einen passenden Schlüssel zu fertigen, ist Sache der Kriminalisten. Die technische Möglichkeit wäre gegeben. Allerdings nur mit viel Fachwissen durchführbar. Das konnten wir in 26 Seiten Gutachten beweisen.

War doch einer der Handwerker, die kurze Zeit davor das Haus renoviert haben, ein Schlossspezialist? Oder hat jemand das Herausnehmen des Schlüssels aus dem Versteck beobachtet? Oder ein Familienmitglied? Im Zweifel für den Angeklagten?